Eine KI-Richtlinie für die ganze Kirche? Absurd.
Ein Dokument für Konfirmandenarbeit, Seelsorge und Social Media gleichzeitig – das kann nur an allen dreien vorbeigehen.
Irgendwo liegt gerade ein PDF. Zwölf Seiten, „Richtlinie zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz“, verabschiedet von einem Gremium, das sich redlich Mühe gegeben hat. Unterschrieben hat es fast niemand gelesen. Angewendet wird es noch seltener. Und trotzdem soll dieses eine Dokument regeln, ob die Konfirmandenarbeit einen Chatbot nutzen darf, ob die Pressestelle KI-Bilder posten darf und ob im Kirchenvorstandsprotokoll ein Sprachmodell mitschreiben darf.
Das ist, als würde man Gemeindebrief, Kollektengebet und Bauabnahme mit derselben Vorlage erledigen.
Warum trotzdem alle so eine Richtlinie wollen
Eine Richtlinie fühlt sich nach Verantwortung an. Man kann sie zeigen, wenn jemand nachfragt. Sie beruhigt Gremien, die selbst nicht genau wissen, was KI eigentlich tut. Und sie erspart die unbequeme Arbeit, sich mit jedem Arbeitsbereich einzeln auseinanderzusetzen.
Nur: Verantwortung, die man sich mit einem einzigen Blatt Papier erkauft, ist meistens keine.
Was das wirklich kostet
Eine Richtlinie, die streng genug für die Seelsorge ist, blockiert in der Öffentlichkeitsarbeit jede sinnvolle Nutzung. Eine Richtlinie, die locker genug für Social Media ist, öffnet in der seelsorglichen Begleitung eine Tür, die zubleiben muss.
Am Ende bleiben zwei Möglichkeiten. Entweder die Richtlinie ist so allgemein gehalten, dass sie niemandem im Alltag hilft – „verantwortungsvoll“, „im Sinne des Datenschutzes“, „unter Wahrung der Persönlichkeitsrechte“. Klingt gut, sagt nichts. Oder sie ist konkret und passt dann eben nur auf einen einzigen Bereich, während der Rest der Organisation sie stillschweigend ignoriert.
💡 Quickwin: Wenn eine KI-Richtlinie ohne Nennung eines konkreten Bereichs auskommt, ist sie noch nicht fertig.
Der Gegenvorschlag
Es braucht nicht eine Richtlinie, sondern mehrere. Kurz, konkret, für den jeweiligen Bereich geschrieben: Was darf die Konfirmandenarbeit, was darf die Verwaltung, was darf die Pressestelle. Nicht als Prinzipienerklärung, sondern als Satz, den man tatsächlich befolgen kann.
Und wo Technik im Spiel ist, gehört die Regel nicht nur ins PDF, sondern in die Systemanweisung des jeweiligen Sprachmodells selbst. Eine Richtlinie, die nur im Intranet liegt, wird gelesen, wenn überhaupt, einmal. Eine Richtlinie, die im System steckt, wirkt bei jeder einzelnen Anfrage.
Was auch das nicht löst
Selbst mehrere präzise Richtlinien decken nicht jeden Fall ab. Kirche ist zu vielfältig, die Situationen zu speziell. Am Ende bleibt ein Rest, den keine Regel greift – und genau dafür braucht es das, was eigentlich das eigentliche Leitbild sein sollte: gesunder Menschenverstand und Vertrauen in die Menschen, die vor Ort arbeiten. Richtlinien können diesen Menschenverstand unterstützen. Ersetzen können sie ihn nicht.
Wie sieht das bei euch aus – eine Richtlinie für alles, oder längst schon getrennt nach Bereich?